Die wunderschön-traurigen Schaufenster der Stadt

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Die vier Säulen der Stadt, meist spärlich beklebt – es sei denn einzelne Veranstalter greifen tiefer ins Portmonee und plakatieren die Säule komplett

1909 wurden sie aufgestellt, über 20 soll es in Arnstadt gegeben haben, vier davon immerhin haben bis heute im originalen Gewandt überlebt: die städtischen Litfaßsäulen. In vielen Städten sind sie längst abgerissen, andere Städte wiederum errichten neue Säulen, wie zum Beispiel München. Weil sie erkennen, dass auch in Zeiten von Facebook und co. der klassischen Plakatanschlag ein starker Kommunikationskanal ist.

Die Arnstädter Litfaßsäulen stehen auf dem Markt, am Bahnhof, vor dem Neutor und auf dem Ried, und spiegeln was los ist in der Stadt, an kulturellen, sportlichen oder politischen Veranstaltungen. Das heißt: sie könnten es spiegeln. Leider spiegeln sie oft nichts oder wenig – als wenn nichts los wäre in der Stadt. Dabei stimmt das gar nicht. Vergleicht man die Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen oder Feierlichkeiten, die fast jedes Wochenende in Arnstadt stattfinden, damit, wie sich die städtischen Plakatsäulen präsentieren, stellt man eine erhebliche Differenz fest. Einzig das städtische Bach-Festival, das Schloßmuseum, die Karnevalsvereine oder der Bach:Sommer nutzen dieses Medium, um auf sich aufmerksam zu machen! Wo bleiben die vielen anderen Veranstalter, das Theater, die evangelische Kirchgemeinde, die Kunstausstellungen oder die Sport und Kulturvereine?

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Manche Säule wird selbst zum Kunstwerk. Hier das Werk eines unbekannten Arnstädter „Affichionisten“ aus dem frühen 21. Jahrhundert

Gewiss: Plakate drucken kostet Geld, sie anzukleben kostet Geld, und Gebühren fürs Hängenlassen werden auch noch verlangt. Der Druck von Plakaten aber wird von Jahr zu Jahr günstiger, und auch das Ankleben ist pro Plakat kein großer Kostenfaktor – vor allem dann nicht, wenn es für das beauftragte Unternehmen auch anständig und regelmäßig was zu kleben gibt.

Wenn sich die Stadtverwaltung und die einschlägigen Kulturträger und Vereine zusammensetzen und beraten, wie es gelingen könnte, die Vielfalt der Arnstädter Konzerte, Veranstaltungen und Ausstellungen auch plakativ zu kommunizieren, sollte es gelingen, einen Weg zu finden, dies mit tragbaren Kosten zu realisieren, eventuell auch mit Zuschüssen aus dem Haushalt für Kultur oder Wirtschaftsförderung – was letztlich eh das gleiche ist.

Vorschlag: Im Sinne einer lebhaften Arnstädter Plakatkultur sollte ein Klebe-Tarif entwickelt werden, der jedes Plakat für mindestens zwei Wochen hängen lässt. Nach Ablauf dieser zwei Wochen bleibt es kleben, bis ein aktuelleres Plakat seinen Platz sucht. Dann ist es vielleicht nicht mehr up-to-date. Aber jeder kann sehen was los war – und das diese Stadt keineswegs so „tot“ ist, wie sie sich bisweilen präsentiert.

Ein sehr schöner und immer noch richtiger Artikel von Herrn Abendrot zu diesem Thema erschien in der TA am 11. Januar 2012 und ist immer noch online:
http://arnstadt.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/leben/detail/-/specific/Das-Kulturgut-Litfasssaeule-und-die-Bismarckbrunnen-Debatte-1567481198

Ein Gedanke zu “Die wunderschön-traurigen Schaufenster der Stadt

  1. Schönes Thema, Herr Kobel. Mir liegen Litfaßsäulen auch irgendwie am Herzen. Vielleicht, weil es sie hier in England nicht gibt und ich sie im deutschen Straßenbild interessant und praktisch finde. Auf Klassenfahrten nach Deutschland müssen sich meine Schüler immer einen kleinen Vortrag darüber anhören, in dem ich unter anderem von einem meiner Lieblingskinderbücher erzähle – „Moritz in der Litfaßsäule“. Ja, das war auch mein Plan als Kind, wenn ich traurig oder wütend war – mich einfach in eine Litfaßsäule zurückzuziehen.

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