Warum wir gar nicht genug Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Theater haben können!

Die 19 Arnstädter Treppenhäuser der Martin Schwarz / Fotogalerie im kleinen Maschinenraum des Milchhofs im Rahmen der Ausstellung „weiß. nullpunkt der moderne“ (2019)

Schon im Mittelalter wußten die Schumacher, dass sie dort am besten Ihr Geschäft machen, wo Sie alle nebeneinander in einer Gasse Ihre Ware feilbieten. Der Grund ist einfach: man betrachtete sich nicht (nur) als Konkurrenz, sondern auch als Partner, denn erst das gesammelte Angebot vieler verschiedener Handwerker schafft es, die Menschen ins Quartier zu locken. Wer beim einen nichts findet, entdeckt beim andern, was er braucht.

Bis heute hat sich an diesem Prinzip nicht geändert. Erst recht gilt es für „Waren“, die qua Natur von sehr subjektiver Qualität sind. Eine frische Semmel braucht jeder, aber bei Kunst und Musik wird der Geschmack zum Himmelreich: was dem einen gefällt, findet die andere so überflüssig wie einen Kropf.

Vernissagen sind gesellige Ereignisse von Menschen mit ähnlichen Interessen. Das Glas guten Rotweins spielt eine wichtige Rolle, oder dass man trifft, wen man schon länger nicht mehr gesehen hat.

Nichtsdestotrotz – oder auch deswegen – sind kulturelle Veranstaltungen das die Menschen Verbindende jeder Gesellschaft, Stadt oder Kommune. Sie sind der Humus, auf dem das soziale Leben gedeiht. Hier knüpfen die Menschen über ihren privaten oder beruflichen Alltag hinaus Kontakte, holen sich Anregungen und schließen sich zu Initiativen und Vereinen zusammen.

Zugleich sind Kunst, Musik und die ganze Palette der kulturellen Veranstaltungen, von der kleinen Ausstellung in historischem Gemäuer bis zur großen Matthäus-Passion in der Bachkirche, die Hauptmotivation jener Sorte von Tourismus, die eine Stadt wie Arnstadt braucht: Individuell, gut situiert, länger verweilend, Gastronomie und Einzelhandel aufsuchend, gebildet und interessiert, weiterempfehlend und positiv postend, wiederkehrend und auch zuziehend.

Entzückendes Papiertheater im Haus zum Palmbaum, im Rahmen von „UnmittelBarock“ (2019).
Es braucht so wenig, um eine perfekte Illusion zu erzeugen!

Es geht also nicht darum, EIN Museum, EINE Kunsthalle oder EINE Bachkirche zu haben, sondern alles möglichst mehrfach und verschieden. Bach und Jazz, Musical und Shakespeare, Rock und Soul, Leipziger Schule und konkrete Kunst, historische Ausstellungen und verrücktes Zeug junger Künstler, Kirchenmusik und atheistische Lesungen, Graffiti-workshops und Fotoseminare. Erst dadurch kann eine Stadt zu einem Gemeinwesen werden, in dem ihre Bürger Verantwortung übernehmen, und sich überregional einen Ruf erwerben als lohnendes Ausflugs-, Urlaubs- und Reiseziel.

Zugleich wird eine Stadt mit dem Ausbau des kulturtouristischen Angebots nicht nur touristisch, sondern auch als WIRTSCHAFTSSTANDORT attraktiver. Denn heute ziehen die Unternehmen dorthin, wo sich die jungen Menschen und Familien, die sie als Mitarbeiter gewinnen wollen, wohl fühlen. Früher war es umgekehrt! Die Investition in das kulturelle Profil einer Stadt, vom der Breite des Angebots bis zur professionellen internationalen Vermarktung, ist in mehrfacher Hinsicht zu einer absoluten Notwendigkeit geworden. Nicht nur weil die Händler und Gastronomen Umsatz machen, sondern weil eine Stadt wie Arnstadt es sich nicht mehr leisten kann, zu ignorieren, wie und als was sie überregional wahrgenommen wird.

Die Ausstellung weiß. nullpunkt der moderne. im Milchhof Arnstadt vom 24. 5. bis 31. August 2019. Täglich geöffnet von 10 bis 18 Uhr

Der Milchhof Arnstadt soll ins diesem Sinne eine weitere Säule der Arnstädter Kulturlandschaft werden. Kunst, Musik, Lesung, Kino, Theater, Kleinkunst – alles ist in diesem Gebäude möglich. Zugleich hat der Milchhof – wie jede Kulturstätte – unweigerlich ein ganz eigenes Profil. Von der Auswahl der Künstler, die hier zu sehen und zu hören sind, bis zur Art und Größe der Räume ist der Milchhof sehr verschiedenen von der Kunsthalle Arnstadt und ihrem Programm, dem Schloßmuseum oder den Ausstellungsräumen des Spittels, um nur einige zu nennen.

Deshalb ist es wichtig, Netzwerke zu bilden und sich zu dem Gesamtkunstwerk „Kulturstadt Arnstadt“ zusammenzuschließen und zu erkennen, dass machmal 1+1 mehr sein kann als 2. Dann nämlich, wenn man erkennt, welchen Eindruck es macht und welche Wirkung es hat, wenn nicht einzelne Akteure um die Wahrnehmung ihres kulturellen Angebotes kämpfen, sondern eine ganze Stadt.

Historische Ausstellungen vermitteln ein Verständnis der Stadt und ihrer sozialen Strukturen. Hier: Industrialisierung Arnstadts im 19. Jahrhundert, Schloßmuseum Arnstadt 2019

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