Das soziale Herz der Stadt – der Arnstädter Wochenmarkt

Der Arnstädter Wochenmarkt hat durchaus qualitätvolle Angebote, wie zum Beispiel das Gemüse der Kyffhäuser Bäuerinnen. Aber er braucht mehr davon, und er muss neu organisiert werden // 

Jahrtausende galt: Handel bringt Menschen zusammen. Die größten und prächtigsten Städte entwickelten sich an Handels-wegen. Dort fand nicht nur der Austausch von Waren statt, dort tauschten sich auch die unterschiedlichsten Kulturen aus, der Weg des Wissens folgte ebenso diesen Routen.  Stadt war Handel, und Handel war Leben

Auch Arnstadt ist zu dem geworden, was es ist, als Handelszentrum zwischen Venedig, Nürnberg und der Ostsee, als Teil der Via Regia zwischen Rhein und Schlesien. Noch vor allen der Stadt zugeschriebenen Eigenschaften war Arnstadt Markt.

Auch Arnstadts heutiges lichtes Stadtbild mit seinen vielen Plätzen und Straßenerweiterungen verdankt sich dem Handel: Markt, Töpfer- und Hopfenmarkt, Woll- und Ledermarkt, Holz- und Kohlenmarkt oder der Salzmarkt unterhalb der Oberkirche. Ein reges Marktwesen war im Mittelalter die Voraussetzung dafür, das Stadtrecht zu erlangen. Ein reges Marktwesen war die wichtigste Verbindung in die nähere und weite Welt.

Das Wort „Markt“ entwickelte sich aus dem Lateinischen, mercare heißt nichts anderes als handeln. Das zweite Wort, untrennbar mit dem Handel verbunden, ist das Wort Laden. Der Laden war ursprünglich die Planke oder der Tisch, worauf auf den Märkten die Waren feilgeboten wurden. Heute steht Laden für einen Verkaufraum.

Der Markt – eine kleine Geschichte der Welt

Verkäufsräume in Häusern waren die (Tuch-)Hallen und Gewölbe der reichen Händler. Ansonsten dienten die Häuser weniger dem Handel denn als Lager. Der Warenaustausch fand bei jedem Wetter unter freiem Himmel statt. Im Mittelhochdeutschen heißt krâm noch Zeltdach, im weiteren Verlauf wird damit die Ware der Händler bezeichnet: ein Sortiment für den gehobenen Bedarf, oftmals aus dem Orient importiert. Die Kramhändler waren ein angesehener Berufsstand, ein Krämermeister mit Lehrlingen und Gesellen.

Der historische Markt war ein lebhafter, lärmender, tösender Ort, durchzogen von starken Gerüchen, farbenfroh und sinnlich. Vergleichbares läßt sich heute nur noch  in  Souks in Nordafrika oder den Märkten im Nahen oder fernen Osten erleben.

Der Niedergang des Wortes Kram in Richtung Gemischtwarenhandel und schließlich als Bezeichnung für minder-wertige Waren geht mit dem Erstarken des stationären Einzelhandels einher. Ein-kaufsstraßen mit Läden und Warenhäusern ersetzten die Märkte. Heute sterben auch diese. Ursprünglich waren sie der Grund für den Niedergang des Marktwesens.

Trotzdem ist der Markttag bis heute in Arnstadt ein Ereignis. Die Besucher, viele aus dem Umland, kommen nicht nur zum Markt, sie erledigen ihre Bank- und Postgeschäfte, ihre Arzt- und Apothekenbesuche und nutzen auch die Angebote der Läden in den umliegenden Einkaufsstraßen.

Der Markt – Zentrum des geselligen Lebens

Vor allem aber treffen sie Freunde, Kollegen und Bekannte. Eine der wichtigsten Funktionen – eine, die weder Läden noch Warenhäuser und schon gar nicht Zalando oder Amazon ersetzen können – ist die des sozialen Treffpunkts, der Nachrichtenbörse. Deswegen kommen bis heute die Menschen in Scharen dienstags auf den Markt, deswegen stehen sie freitags am Gemüsestand oder samstags beim Fleischer.

Neben dem Wochenmarkt haben sich in Arnstadt in den letzten Jahren eine Vielzahl von Spezialmärkten entwickelt. Einige knüpfen an alte Markttraditionen an – wie der Pflanz- und Frühlingsmarkt, die Flohmärkte oder der Herbstmarkt – andere wie der „Wollmarkt“ stehen in der Tradition der Jahrmärkte, wieder andere gehen in Richtung Eventkultur, wie der Autofrühling, das Stadtfest oder der Bach-Advent.

Bei diesen Events reden wir nicht mehr von einer mehr oder weniger gelungenen gewachsenen Struktur, sondern von Veranstaltungen, die nach einer besonderen konzeptionellen Gestaltung und Begleitung verlangen.

Der Markt in Arnstadt – rechtsfreier Raum ohne Marktsatzung

Nicht nur der Tourismus, auch das Markt-wesen der Stadt Arnstadt ist Opfer der Abschaffung der Stadtmarketing GmbH 2015. Seitdem das Marktwesen der Verwaltung unterstellt ist  – und damit direkt in der Verantwortung von Bürgermeister Alexander Dill –, ist es nicht übertrieben, von Verwahrlosung zu sprechen.

Der Umwelt- und Gesundheitsmarkt zu Pfingsten ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein schön gestalteter Markt aussehen kann

Die nach der Abschaffung der Stadtmarketing GmbH 2015 entstandene Situation mangelnder Regelungen und Zuständigkeiten wurde weder mit einer Marktsatzung noch mit einem entsprechenden Instrument neu geregelt. Hier ist ein rechtsfreier Raum entstanden, was man dem Markt auch zunehmend ansieht.

Viel bedauerlicher ist aber, dass mit diesem Neuanfang versäumt wurde, die Bedeutung des Marktwesens für eine attraktive Innenstadt auf breiter Ebene zu diskutieren. In diesem Prozess könnte Arnstadt die Weichen für die Zukunft eines lebendigen und den heutigen Bedürfnissen angemessenen Marktwesens stellen und kleinere oder größere Missstände nach und nach abstellen.

Ohne diese Diskussion ist der Markt als Ort und Institution seit Jahren einem bedrohlichen Niedergang geweiht. Denn erst stirbt der Markt, dann stirbt die Stadt. Der Mensch als geselliges Wesen braucht Orte des sozialen Austauschs wie der Fisch das Wasser. Auch mit der  „Causa Markt“ steht die Amtszeit des aktuellen Bürgermeisters für soziale Kälte. Alexander Dill scheint auch an dieser Stelle vollkommen überfordert, der Stadt Impulse zu geben und Weichen zu stellen.

Der Markt – nach Baumaffäre aus der Planung herausgefallen

Die Probleme stauen sich allerdings schon seit der Ära Köllmer. Denn für die vorletzte Europäische Förderperiode waren Mittel für eine umfassende Marktsanierung vorgesehen. Eine fundierte und sensible Planung war aus einem Wettbewerb hervorgegangen. Eine Planung allerdings, die zukünftig einen Markt ohne (oder mit weniger) Bäumen vorsah. So kam es zum Eklat – und die Sanierung des Marktes wurde zu den Akten gelegt. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die Diskussion 2010 war unsachlich, weil das deutsche Gemüt beim Thema Baum schnell emotional wird. Unser Freund, der Baum, ist über alle politischen Lager von identitätsstiftender Bedeutung – von der konservativen Berufung auf die „Deutsche Linde“ bis zu den Baum- und Waldpaten im grünen und linken Spektrum.

Da drang das Argument nicht durch, dass viele Plätze und Marktplätze traditionell – so auch in Arnstadt – baumlos waren. Da drang auch das Argument nicht durch, dass die Bäume auf dem Markt am Ende ihrer Lebensperiode angekommen sind, auch deshalb, weil ihr Wurzelwerk keine Märkte verträgt. So werden die Bäume durch große Fahrzeuge weiterhin geschädigt – bis sie nach und nach gefällt werden müssen.

Der Markt – (k)ein Schaufenster regionaler Produkte

Stress im Sinne eines scheußlichen Anblicks sind die vielen Lieferfahrzeuge aber auch für die Besucher des Marktes. Andernorts, z.B. in Rudolstadt, müssen die Autos nach dem Auspacken auf die städtischen Parkplätze gebracht werden. Das machen klaglos zum Teil die gleichen Händler, die auch den Arnstädter Markt beschicken. Sie machen es gerne, weil ein Markt, der ein einladendes Bild abgibt, mehr Besucher anzieht.

Aber auch das Sortiment des Arnstädter Marktes ist verbesserbar. Gut sortiert ist ein Markt, dessen Angebote dauernd oder zu bestimmten Terminen auch über das seit Jahren etablierte Grundangebot hinaus geht. Das können Töpferwaren oder Drechslerarbeiten sein, der Markt als Schaufenster des regionalen (Kunst-)Handwerks. Und ebenso Schaufenster der regionalen Lebensmittelerzeuger. Käsereien, Moster oder Imker – das beliebteste Mitbringsel aus der Provence ist der dortige Lavendelhonig. Thüringer Honig aus sortenreinen Trachten könnte durchaus mithalten.

Allerdings müssen Präsentation und Verpackung stimmen. Vor allem aber sollten die Stände so angeordnet sein, dass das bereits jetzt gute Angebot an regionalen Spezialitäten von der Hausmacher-Wurst bis zu den wunderbaren Angeboten der Kyffhäuser Bäuerinnen, von den aromatischen Tomaten über die vielen Kohl- und Kartoffelsorten bis zu den Beeren und dem Obst als eigenständiger und ambitionierter Grün- und Lebensmittelmarkt wahrgenommen werden kann! Das ist momentan nicht der Fall und wertet dadurch den Arnstädter Markt unnötigerweise ab.

Der Arnstädter Markt wendet der Stadt und den eingesessenen Händlern und Gastwirten die Rückseite zu. Das ist nicht gut. Umgekehrt wird ein Schuh daraus

Der Markt muss offen sein für alle – und der Stadt zugewandt

Märkte sind per Definition ein offenes und die Umgebung einbeziehendes Angebot. Immer wieder gibt es Veranstaltungen, z.B. Stadtfest oder Bach-Advent, die den stationären Handel ausgrenzen. Zum Beispiel dadurch, dass Läden durch Marktstände oder durch ungeschickt gestellte Absperrgitter und „Wagenburgen“ unsichtbar werden. Oder dadurch, dass die  Stände ihre Rückseite inkl. Müllentsorgung und anderer Infrastruktur sich den eingesessenen Ladengeschäaften zuwenden. So wird der Markt als Zentrum des städtischen Lebens seiner Funktion nicht gerecht.

Über all das  müssen wir in geeigneten Runden reden!

Judith Rüber ist Hotelier, Gastwirtin und Mitglied des Arnstädter Stadtrats

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