Die schrittweise Abwicklung des Theaters durch Bürgermeister Alexander Dill

Das Zentrum des Arnstädter Kulturlebens: das Theater (Foto: Sebastian Köhler)

Das Zentrum des Arnstädter Kulturlebens: das Theater (Foto: Sebastian Köhler)

Die jüngere Geschichte des Arnstädter Theater ist eine Erfolgsgeschichte, und damit eine Erfolgsgeschichte des Theatervereins. Denn dieser betreibt das Theater seit 20 Jahren, auf eigene Rechnung und in eigener Verantwortung.

Die Bilanz: jährlich etwa 120 Veranstaltungen unterschiedlichster Art, wachsende Besucherzahlen – aktuell 22.000 pro Jahr, davon etwa 60 Prozent aus Kreis und Region – und ein rekordverdächtig niedriger Zuschussbedarf von knapp 11,00 € pro Karte. Zum Vergleich: die Karten in Erfurt, Weimar etc. werden mit 100 € und mehr bezuschusst. Dieser Zuschussbedarf durch die Stadt betrug 2014 und 2015 jeweils 240.000 €. Ein Drittel der Besucher sind Kinder- und Jugendliche.

Das Arnstädter Theater ist ein Bespieltheater ohne eigene (teure) Produktionen und festem Ensemble. Die Vereinsmitglieder und der rührige Vorstand arbeiten ehrenamtlich. Zu den Erfolgen des Vereins gehört auch, dass es ihnen immer wieder gelingt, Sponsoren und Fördermittel, z.B. für die Theatertage für Kinder und Jugendliche, einzuwerben. Der Intendant ist für gut vernetzt und für seine Partner verlässlich. Diese Verlässlichkeit führt zu guten Konditionen und „Frühbucherrabatten“. Die inzwischen nur noch fünf Mitarbeiter (es waren einmal zwölf) werden unterdurchschnittlich bezahlt und engagieren sich überdurchschnittlich, weil sie sich mit „ihrem“ Theater und mit „ihrer“ Stadt identifizieren.

Man sollte also meinen, ein solches Super-Spar-Programm mit soviel Bürgerengagement würde von Stadt, Kreis und Land als ein im öffentlichen Diskurs sonst so viel beschworenes Best-Practice-Beispiel gehegt und gepflegt.

Statt dessen ist zu lesen, das Theater stünde vor der Insolvenz. Was man nicht liest: Der Theaterverein hätte schon mit Beginn 2015 die Insolvenz anmelden müssen, weil Bürgermeister Dill im Vorfeld eines Haushaltssicherungskonzeptes eine Auszahlung des Zuschusses an das Theater verweigerte. Ein Beschluss des Stadtrats sorgte gegen den Willen dieses Bürgermeisters vor einem Jahr dafür, dass das Theater schließlich doch seinen Zuschuss bekam.

Bürgermeister Alexander Dill tut seit Jahren nichts, um den Fortbestand des Theathers zu sichern. Im Gegenteil: Auf allen Ebenen ist an seinem Handeln ersichtlich, dass ihm das Theater nicht die geringste Anstrengung wert ist. Er will es abwickeln. Denn wie heißt es sehr richtig in 1. Johannes 2,1-6:
An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.

Eine Chronologie der versuchten schrittweisen Zerstörung des Arnstädter Theaters

Ortstermin 1 //
Vorstellung des Haushaltssicherungskonzepts durch Bürgermeister Dill und Gutachter Brodbeck im Finanzauschuss bzw. Stadtrat im Oktober und November 2014

Sie haben kein Geld, leisten sich aber bei 24 000 Einwohnern ein Theater, obwohl die Theaterdichte in der Region sehr hoch ist“, erklärte Brodbeck seine Maßnahme Nummer 6 „Schliessung des Theaters“ mit einem Einsparungsvolumen von 317.000 € pro Jahr. (TA vom 12.11.2015)

Mit dieser Ansage führte sich der Gutachter Klaus Brodbeck ein, ohne die geringste Ahnung von den Verhältnissen. Ein Gespräch mit den Verantwortlichen im Vorfeld hatte es nicht gegeben, Brodbeck berief sich auf die Berichterstattung des Bürgermeisters und Zahlen der Verwaltung. So erfuhr der Verein von den Schließungsabsichten durch die Zeitung. Die 317.000 € Einsparungspotential mussten inzwischen auf Nachweis der Mitglieder des Stadtrats nach unten korrigiert werden, weil hier Leistungen im Aufgabenbereich des Kulturbetriebs über die 240.000 € Zuschuss hinaus in Anschlag gebracht wurden, die mit der Schliessung nicht wegfallen und Vorhaltungskosten, um das Gebäude nicht dem Verfall Preis zu geben, nicht eingerechnet wurden. Eine realistische Annahme dürfte irgendwo zwischen 180.000 und 200.000 € liege.

Zugleich hatte der Bürgermeister eine Verabschiedung dieses Haushaltssicherungskonzepts im tournusmässigen Stadtrat Dezember 2015 vorgeschlagen. Der Arnstädter Stadtrat beschloss jedoch gegen den Widerstand Dills, dem Beschluss acht Wochen mehr Zeit zu geben, um in den Ausschüssen beraten zu können und die Betroffenen zu hören. Ginge es nach Dill, wäre das Theater heute schon zum zweiten Mal tot.

Ortstermin 2 //
Werkausschuss des Kulturbetriebs 15. Dezember 2015

Der Theaterverein, vertreten durch seinen alten und neuen Vorsitzenden Reinhard Köhler, dem Intendanten Michael Schneider und seine Stellvertreterin Sabine Kalb sollten die Gelegenheit haben, sich zum Schliessungsvorschlag des Haushaltssicherungskonzept zu äußern.

Nachdem der ursprüngliche Termin dieser Sitzung in der Vorwoche kurzfristig verschoben wurde, weil der Bürgermeister eine seit drei Monaten bekannte Aufsichtsratssitzung der Stadtwerke übersehen hatte, war Dill mit Beginn der Sitzung und des Berichts des Theatervereins nicht anwesend, weil er zum gleichen Termin die Sportlerehrung angesetzt hatte.

Das Thema Theater war ihm, qua Amt geborenem Mitglied im Theaterverein, nicht wichtig genug, um sich bei der Ehrung von einem seiner beiden Beigeordneten vertreten zu lassen. Der Bürgermeister kam dann mit Ende der Ausführungen Köhlers und Schneiders mit einer knappen Stunde Verspätung.

Neben Erläuterungen zu Struktur und Erfolg des Vereins und der Mitarbeiter des Theaters hatte Schneider einer relativ neuen Idee des Bürgermeisters eine Absage erteilt: Dem Theater im Stand-by-Betrieb mit einem jährlichen Zuschuss von 41.000 €.

Denn weder die Strukturen der gastierenden (freien) Ensembles ließen dies zu, die auf Techniker und ohnehin für alle Aufführungen verbindlich notwendigen Bühnenmeisters vor Ort ausgerichtet seien, noch könne man die empfindlicheTechnik einmotten und dann ab und an mal wieder anfahren.

Weiterhin hatte der Bürgermeister angeregt, dass die Betreiber der Alten Oper in Erfurt das Theater Arnstadt übernehmen. Herr Schneider merkte zu recht an, dass das hieße, den augenblicklichen Betreiber aus der Verantwortung zu kicken. Auch gäbe es keinen Grund, davon auszugehen, dass es andere Betreiber wirtschaftlicher könnten.

Trotzdem interessierte es alle Beteiligten, ob der Bürgermeister denn Kontakt zu den Betreibern der Alten Oper gesucht hätte und Gespräche aufgenommen hätte. Die Antwort des Bürgermeisters war: Nein.

Ortstermin 3 //
Mitgliederversammlung des Theatervereins 16. Dezember 2015

Zur Erinnerung: Hätte der Stadtrat sich nicht auf eine Verschiebung der Verabschiedung des Haushaltssicherungskonzept geeinigt und wäre inzwischen zwischen Pro Arnstadt, der CDU und der LINKEN nicht ein eigener Konzept-Entwurf in Abstimmung, so hätte der Theaterverein zu diesem Termin nur noch das Begräbnis ihres erfolgreichen Vereins begehen können.

So stellte sich der Vorstand kämpferisch zur Wiederwahl, und der Bürgermeister konnte nun endlich hören, was der Verein ihm zu sagen hatte: Fakten, Erfolge, Einwendungen und Erläuterungen.

In Vertretung der eingeladenen Landrätin war auch der Kulturbeauftragte des Kreises Manuel Löffelholz anwesend. So kam zum wiederholten Mal das Thema Unterstützung durch Kreis und Land ins Spiel.

Das Land unterstützt die Arbeit des Kulturbetriebs der Stadt Arnstadt seit zwei Jahren mit dem sogenannten Kulturlastenausgleich mit mehr als 430.000 €. Dieser ist gekoppelt an einen Mindestanteil am städtischen Haushalt und einem Beitrag der Stadt für Kultur von mindestens 50 € pro Arnstädter Bürger. Alexander Dill ist seit Monaten durch verschiedene Ausschüsse und den Stadtrat beauftragt, mit dem Land zu klären, was das für das Haushaltssicherungskonzept heißt. Ausschussmitgliedern und Stadtrat ist bis jetzt nichts von Gesprächen bekannt.

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Theatervorstand Reinhard Köhler erläutert den Vereinsmitgliedern die Situation

Das Land, in Person von Kulturminister Benjamin Hoff wiederum, verlangt von den Kreisen thüringenweit eine Unterstützung der Theater. Der Ilmkreis ist hier eine der unrühmlichen Ausnahmen, obwohl ein großer Teil der Besucher des Arnstädter Theaters aus dem Kreis kommt. Reinhard Köhler appellierte an Kreistag und Landrätin, hier eine Lösung zu finden.

Der Bürgermeister kündigte jetzt (!) an, wenige Wochen bevor der persönlich haftende Vorstand des Theatervereins Insovenz anmelden muss, er werde Gespräche mit Land und Kreis aufnehmen. Thema ist die Misere seit Herbst 2014.

Und was war vom Bürgermeister sonst noch zu hören? Lobte er die Arbeit des Vereins? Dankte er für die unerhörte Entlastung des Stadthaushaltes durch den Verein? Dankte er den Mitarbeitern, daß Sie durch permanenten Personalabbau stetig durch Mehrbelastungen zur Konsolidierung der Stadtfinanzen beigetragen haben?

Nein, weinerlich meinte er stattdessen, dass das Haushaltsicherungskonzept alle treffe. Allein für Personal in der Verwaltung müsse ein Betrag in der gleichen Größenordnung eingespart werden, wie durch die Schließung des Theaters.

Wer sich das Konzept ansieht, der wird sehen, dass auch das nicht wahr ist: In den Jahren 2018 bis 2020 ist hier eine Einsparung von 90.000 EUR pro Jahr vorgesehen, im Jahr 2021 dann 160.00 EUR und erst ab 2022 dann ein Betrag von über 300.000 EUR, also einem der angestrebten Theatereinsparungen vergleichbaren Betrag. Und das bei einem Personalkosten-Volumen von jährlich über 10 Mio EUR.

Das Verhalten des Bürgermeisters paßte ins Bild: leere Versprechungen ohne jede Glaubwürdigkeit. Ins Bild paßten auch die Berichte in TA, Freiem Wort und MDR, die nicht über einen Bürgermeister berichteten, der ein Theater abwickeln will, sondern über einen Bürgermeister, der sich angeblich um die Erhaltung des Theaters bemüht.

Erstaunlich war, dass die 2. Beigeordnete Martina Lang (SPD) einstimmig zur Schatzmeisterin des Theatervereins gewählt wurde. Denn fast zeitgleich ließ die SPD-Fraktion, der sie angehört, in einem Papier zum Haushaltssicherungskonzept verlauten:

„Zu 6. Umstrukturierung/Schließung Theater:
Eine vollständige Schließung wird abgelehnt. Wartungsarbeiten, Betriebskosten und Brandschutz sowie die laufende Unterhaltung des Objekts müssen weiter durch die Stadt übernommen werden mit dem Ziel, die Bespielbarkeit des Theaters zu erhalten. Theater als „Stand-By-Variante“, Charakter des Bespiel-Theaters beibehalten und ggf. weitere Kooperationen prüfen.“
(aus: „Standpunkte der Fraktionen SPD und BürgerProjekt sowie Christian Stonek (FDP) zu den Maßnahmen des Haushaltskonsolidierungskonzepts“ vom Dezember 2015)

Vielleicht sollte diese Schatzmeisterin mal mit ihrem Vereinsvorsitzenden und ihrem Intendanten reden und vor allem hinhören? Beide hatten mehrfach schlüssig dargelegt, dass eine Stand-by-Bespielbarkeit eine hübsche Worthülse und ein Ablenkungsmanöver ist, aber kein Konzept für einen Fortbestand.

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