Neustart für Arnstadt / Teil 1: Warum Markt und Ried neu gestaltet werden sollten

Mit hundert Jahren am Ende ihrer Lebenszeit, zudem durch die Marktnutzungen stark geschädigt. Die Linden müssen ersetzt werden durch junge Bäume. Wo und wieviele genau ist ein Frage guter Planung.

Das Thema Neustart für Arnstadt ist ein weites Feld, die Defizite erstrecken sich über alle Bereiche des städtischen Lebens bis hin zur aktiven(!) Gestaltung der unweigerlich weiter auf uns zukommenden Kreis- und Kommunalreform. Wir wollen an dieser Stelle in loser Folge diese Themen einzeln ansprechen und unsere Sicht darauf erlautern, in der Hoffnung, dass mit Frank Spilling nun endlich Bewegung in viele dieser Themen kommt.

Weit oben auf der Agenda des neuen Bürgermeisters dürfte das Thema Sanierung und Neugestaltung des Arnstädter Marktes und des Rieds liegen. Ein Thema, mit welchem andere wichtige Themen wie Innenstadtbelebung, Tourismus und Gastronomie, Standortattraktivität für Unternehmen und Fachkräfte, Verbesserung des Wochenmarktes nach Angebot und Erscheinungsbild oder Verkehrs- und Parkplatzfragen unweigerlich verknüpft sind.

„Oft erkennen wir nicht, dass wir mit Italien Vergleichbares haben!“
Johanna Sellengk und Ulrich Hugk

 

Fast noch dringlicher erscheint eine Beplanung und Neugestaltung des Rieds, eines einst so schönen Platzes, der heute nichts bietet als mehr oder weniger wildes Parken. Hier sind dringend Ideen gefragt, wie der Platz teilweise vielleicht weiter als Parkraum genutzt werden kann, zugleich aber seine Schönheit und Aufenthaltsqualität, vor allem rund um den Brunnen, endlich zur Geltung kommt.

Zwar sind die Fördermittel vermutlich verfallen. Angesichts der guten Haushaltslage von Bund und Land – und der stabilen Einnahmesituation der Stadt – dürfte aber dieses Projekt stemmbar sein, umsomehr als alle Institutionen des Landes, vom Landesamt für Denkmalpflege über die LEG bis zum Infrastrukturministerium, seit Jahren auf die Dringlichkeit des Projektes hinweisen!

Es ist schockierend, wenn man auf diese Geschichte zurückblickt und feststellt, dass es nächstes Jahr zehn Jahre sind, dass der Stadtrat der Stadt Arnstadt die Neugestaltung des Marktes erst beschlossen und dann verhindert hat. Über den Ried scheint seit dem sowieso niemand mehr auch nur nachzudenken!

Eine traurige Mischung aus unprofessioneller öffentlicher Kommunikation des zuständigen Ersten Beigeordneten und Bauamtsleiters (damals noch unter Hans-Christian Köllmer), einer typisch deutschen Anbetung des Fetischs „Baum“, überforderten oder ängstlichen Stadträten (vor allem bei der LINKEN und der SPD) und einer mehr an Emotionalisierung denn an Versachlichung der Debatte interessierten TA – all das zusammen bedeutete das Aus für die fertig durchgeplante Marktsanierung – und allem was damit verbunden war. Einmal mehr gingen Millionen von Fördergeldern an Arnstadt vorbei.

Wir hatten bereits 2010 ausführlich im Blog von Norbert Wenzlaff (www.arnstadt-blog.de) Stellung bezogen zu diesem Thema, u.a. in Form eines Interviews mit den planenden Architekten Ulrich Hugk und Johanna Sellengk und einer Dokumentation der Stimmungsmache der Thüringer Allgemeinen gegen das Projekt. Wir haben unsere Texte soeben wieder gelesen und müssen feststellen: Kaum etwas hat sich geändert, jedes Komma stimmt bis heute (mit Ausnahme der Aussage, unter den Arkaden gäbe es keine Gastronomie, hier ist das Café Marlitt inzwischen präsent).

Hier unser „Re-Print“ des Beitrags vom 25. Februar 2010 – ein echtes Long-Read in drei Abschnitten:

Die Sanierung und Belebung des Arnstädter Marktes

Warum der Arnstädter Stadtrat die Sanierung des historischen Zentrums der Stadt erst beschlossen und dann verhindert hat / von Judith Rüber und Jan Kobel

1. Einführung in das Thema:

Der Arnstädter Markt mit Bachdenkmal – stark frequentiert mit Festen und Märkten

Im Jahr 2007 hat der Arnstädter Stadtrat im Rahmen des Programms „Leben am Markt“ beschlossen, die Neugestaltung des Marktes in Angriff zu nehmen. Am 3. September 2009 ergänzte der Stadtrat seinen Beschluss, indem er den Antrag der Linken und der SPD annahm, dass

„bei der Umgestaltung des Marktplatzes sowie des Rathausvorplatzes der derzeitige Baumbestand zu erhalten“ sei und „sämtliche in Auftrag zu gebende Planungen sich an diesem Grundsatz zu orientieren haben“ (vgl. Protokoll vom 3.9.2009, TOP 13).

Damit war der Neugestaltung des Marktes eine wesentliches Grundlage entzogen worden. Denn zahlreiche der notwenigen Arbeiten im Boden, so heißt es, seien nicht durchführbar, ohne das mächtige Wurzelwerk von fast 100 Jahren alten Bäumen zu beschädigen, und damit die Bäume zu gefährden. Die Stadtverwaltung stellt die Planungen ein.

Wie kam es zu dieser Wende? War doch die Entscheidung des Arnstädter Stadtrates für die Sanierung von 2007 eine Entscheidung, für die viele Argumente sprachen:

Der Zustand, in dem sich der Arnstädter Markt heute präsentiert, stammt im wesentlichen aus den 1920er Jahren. Der Markt ist trotz der Qualität seiner historischer Bauten und seines geschlossenen Ensembles kaum besucht und leider nicht, wie viele andere zentrale Marktplätze, so beschaffen, dass sich dort das städtische Leben versammelt. Es fehlt an Gastronomie. Die historischen Bauten, insbesondere das frisch sanierte Rathaus, ist, vor allem im Sommer, wenn die meisten Touristen in der Stadt sind, nicht zu sehen und zu fotografieren. Ein Nutzungs- und Gestaltungskonzept liegt nicht vor.

Last not least standen Arnstadt im Rahmen des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) erhebliche Fördermittel in Aussicht. Bedingungen, damit diese Mittel fließen, sind unter anderem der Abschluss der Bauarbeiten bis 2013.

Die Stadtverwaltung Arnstadt hatte vor der Vergabe des Planungsauftrages ein Bewerbungsverfahren durchgeführt, an dem sich im Zeitraum von Ende Februar bis Ende März 2009 ausgewählte Büros beteiligten. Die eingesandten Entwürfe wurden von Vertretern des Bauamtes und dem Gestaltungbeirat der Stadt begutachtet und beurteilt. Dabei entschied man sich einstimmig für den Entwurf der Architektenbüros Ihle, Hugk & Sellengk aus Weimar.

Wichtig: Die Blickachsen vom Bach zur Kirche und zum Rathaus, ungehindert durch Marktstände und an diesen vorbei – wie das Planungsbüro Hugk&Sellengk sie im Jahre 2009 vorschlug

Diese Planungsgemeinschaft wurde erst Mitte Juli 2009 mit einer Vorplanung für die Freianlagen beauftragt. Bis zum September 2009 waren so verschiedene Varianten der Platzgestaltung in der Bearbeitung. Bis zum Beschluss des Stadtrates, der das Fällen der Bäume am Markt untersagte, war über keine der geplanten Varianten eine Entscheidung getroffen worden.

Am 6. Juni 2009 startete eine Bürgerinitiative unter Federführung der SPD und der IG Stadtökologie eine Unterschriftensammlung für den Erhalt der Linden auf dem Markt, bei der den Bürgern suggeriert wurde, dass für die Stadtverwaltung das Fällen der Bäume bereits beschlossene Sache sei.

Die hiesige Presse erkannte das emotionale Potential dieser Frage und kochte das Thema hoch, indem sie in Wahrnehmung ihrer Pressefreiheit jedes Gerücht und jede Unterstellung zu diesem Thema ausführlich zu Wort kommen ließ (siehe Dokumentation der TA-Berichterstattung am Ende dieses Artikels).

Alle anderen mit der Sanierung des Marktes verbundenen Fragen blieben dabei ausgeblendet. So waren rasch 5000 Unterschriften beisammen, die sich gegen das Fällen der Bäume aussprachen.

Dieser emotionalisierten Öffentlichkeit wollte sich der Stadtrat in seiner Sitzung am 3. September 2009 nicht widersetzen. Falls es dabei bleibt, ist eine Sanierung des Marktes auf ungewisse Zeit verschoben, da eine so kostenintensive Maßnahme ohne die EFRE-Fördermittel der EU aufgrund der angespannten Finanzlage der Kommune auf absehbare Zeit nicht möglich sein wird.

Wir wollen den Arnstädter Bürgern dennoch die Möglichkeit geben, in die komplexe Thematik der Sanierung und Neugestaltung des Marktes einzusteigen und sich ein objektives Bild von den Planungen zu machen. Zu diesem Zweck besuchten wir die Architektengemeinschaft Hugk & Sellengk in Weimar und sprachen mit Ulrich Hugk und Johanna Sellengk:

Ein selten gut erhaltener Platz der Renaissance, der dringend neu gestaltet werden muss.

2. Interview mit dem Planungsbüro Hugk & Sellengk

Seit der Rennaissance ist der Arnstädter Markt baumfrei. Einzig um die Bachkirche standen immer Bäume

In seiner heutigen Form ist der Markt den Arnstädtern vertraut. Woher kommt Ihrer Meinung nach die Notwendigkeit einer Sanierung?

Der Arnstädter Markt ist eine weitgehend erhaltene Renaissance-Anlage, in die die Gründerzeit nicht, wie bei vielen anderen deutschen Marktplätzen, eingegriffen hat. Seine asymmetrische, tütenförmige Gestalt ist typisch für die Renaissance, seine Zugänge spiegeln die Handelswege wider, die sich in Arnstadt jahrhundertelang kreuzten.

Einmalig ist auch der Blick nach Westen, wo man aus der Mitte der Stadt über das leicht abfallende Gelände ins Land hinausschauen kann! Und mit dem Rathaus und den Tuchmacher-Arkaden prägen zwei schöne Renaissance-Gebäude den Markt.

Müsste man nicht eher sagen: hinausschauen könnte, denn im Sommer bleibt der Blick in den Kronen der Bäume hängen?

Das ist eines der Probleme, unter dem der Arnstädter Markt leidet. Der Platz ist heute in seiner Schönheit gar nicht erfahrbar. Die wichtigen Blickachsen sind verborgen: nicht nur nach Westen, auch auf das Rathaus, die Arkaden und die Bachkirche.

Er präsentiert sich einerseits als introvertierter Raum um das sehr schöne Bachdenkmal, andererseits als Straßenraum vor den Gebäuden, separiert durch Bordsteine und Asphalt. Das Areal um die Bachkirche ist vom Markt getrennt. Der räumliche Zusammenhang ist nicht mehr zu erleben.

In Italien genießen wir die prächtigen Plätze aus dieser Zeit mit ihrer Weite und Architektur, und zuhause erkennen wir oft nicht, dass wir Vergleichbares haben.

Was jedem Besucher auffällt: Außer am Dienstag, dem Tag des Wochenmarktes, ist am Markt nicht viel los. Hat das Ihrer Meinung nach etwas damit zu tun, wie der Markt sich heute präsentiert?

Aber sicher! Seit Jahrzehnten ist der Arnstädter Markt mehr oder weniger sich selbst überlassen worden. Es wurden Stromkästen, Betontröge, Bänke, Papierkörbe und Telefonzellen aufgestellt, und die Linden sind immer mal wieder durch Kronenschnitte in ihrer Höhe begrenzt worden. Im Einzelfall sicher in guter Absicht, nur passt nichts zusammen.

Der Markt hat keine Aufenthaltsqualität, er lädt nicht zum Verweilen ein. Alles ist jahrelang nach rein funktionalistischen Gesichtspunkten betrachtet worden.

Damit verschenkt Arnstadt viel Potential, nicht nur für Touristen, auch Lebensqualität für seine Bürger. Es geht darum, Leben ins Herz der Stadt zurückzubringen.

Die Arnstädter haben sich mit 5000 Unterschriften für den Erhalt der Bäume ausgesprochen, auch wenn sie alle Sichtachsen versperren und der Markt ursprünglich und jahrhundertelang frei von Bäumen war.

Es ist verständlich, dass die Arnstädter auf die Frage: Willst Du, dass die Linden auf dem Markt gefällt werden, antworten: lieber nicht! Aber das ist nicht die ganze Frage! Wir müssen zunächst klären, was wir vom Herz der Stadt erwarten.

Wofür soll uns der Platz dienen? Genügt es uns, dass hier am Dienstag Markt ist, und sonst ist nichts los? Ist es uns recht, dass das einzige, was man im Sommer fotografieren kann, das Bachdenkmal ist? Dass kein Kamerateam jemals einen Schwenk über den Markt, vorbei an Rathaus, Bachkirche und Arkaden bis zum Güldenen Greif wird machen können und so beeindruckende Bilder von dieser Stadt in die Welt hinausgehen?

Ein Marktplatz ist ein kulturhistorisches und architektonisches Zeugnis der Stadtgeschichte. Er ist gleichermaßen Repräsentationsraum und merkantiler Raum, Bühne in der Selbstdarstellung der Stadt nach Innen und über die Stadtgrenzen hinaus. Für die Anwohner ist er aber auch ein Teil ihres Wohn-umfeldes. Aufenthalt und Erlebnis auf dem Platz sollen für ein breites Spektrum sozialer Schichten und Altersgruppen qualitätvoll sein.

Das Bach-Denkmal während eines Marktes 2009 zwischen Wassercontainern und Mülleimern. Ganz so schlimm ist es heute nicht mehr. Dennoch ist eine Verbesserung der Stellordnung für alle Märkte dringend erforderlich.

Die Gestaltung des Marktplatzes muss all den daraus erwachsenden Anforderungen auf einfache Weise, unaufgeregt, nachhaltig und technisch sicher dienen. In diesen Kontext gesetzt ist die Anzahl der Bäume nur ein Aspekt, der sich in ein Ganzes einfügen muss.

Die Spirale von Leerstand und Nicht-Nutzung gibt es jedoch auch in anderen Städten. Ist es nicht verwegen, zu glauben, dass eine Neugestaltung des Marktes daran etwas ändert?

Eine Neugestaltung ist natürlich nicht die einzige Maßnahme, aber die erste und wichtigste. Die Stadt hat die Möglichkeit, diese Spirale zu unterbrechen: Indem sie den Markt attraktiv gestaltet, mit dem Ziel, dass man sich einfach gerne dort aufhält, den Raum und die Blicke genießt und dann natürlich auch etwas essen und trinken möchte.

Viele Städte haben damit gute Erfahrungen gemacht, so zum Beispiel auf dem Holzmarkt in Jena, auf dem Markt in Altenburg oder in der Fußgängerzone in Rudolstadt!

Man muss den Cafes und Läden eine Perspektive bieten. Es ist schade, dass unter den Arkaden mit Sonne bis spät in den sommerlichen Abend keine einzige der gastronomischen Lokalitäten genutzt wird! Schade übrigens auch, dass das sanierte Rathaus zum Markt hin so verschlossen ist. Eine Ratsstube im Kellergewölbe des Rathauses täte der Belebung der Innenstadt gut!

Was bedeuten Ihre Planungen konkret für den Bestand der 18 Linden auf dem Arnstädter Markt?

Unabhängig von den besprochenen gestalterischen Überlegungen muss man folgendes bedenken: Wenn Arnstadt die Oberflächenbeläge des Marktes mit hochwertigem, gehfreundlichen Pflaster gestalten möchte, sollten all die Arbeiten erledigt sein, die unter der Oberfläche liegen – die Sanierung und Neuverlegung von Ver- und Entsorgungsleitungen, Datenkabel, Hausanschlüssen und dergleichen.

Bäume, die wie alte Alleebäume mitten im Platz stehen, haben ein weitreichendes Wurzelwerk entwickelt. Bei den erforderlichen Abgrabungen für den grundhaften Neuaufbau der Verkehrsflächen werden sie zwangsläufig geschädigt, mit unkalkulierbaren Folgen für ihren nachhaltigen Bestand.

Die Bäume uneingeschränkt erhalten hieße: gar keine Sanierung. Und heißt auch: keinen Verkehr mehr!

Soll heißen: Neben ästhetischen, „weichen“ Gesichtspunkten gibt es auch harte Gründe, warum die Linden nicht erhalten werden können?

Einige der Linden wurden seit 2010 gefällt – auf der Rathaus-Seite

Die Linden sind durch unsachgemäße Behandlung in den vergangenen Jahrzehnten und durch die bis heute gängige Praxis der Marktnutzung stark geschädigt.

Zwar ist es nicht möglich, eine genaue Lebenserwartung anzugeben, auch Todkranke können noch länger leben. Aber früher oder später wird es soweit sein: einzelne der Bäume bekommen keine Blätter mehr. Eine Nachpflanzung von Jungbäumen in der Reihe der grosskronigen Linden brächte nur mäßige Entwicklungserfolge.

Die Stadt muss sich also entscheiden: Wenn der Erhalt der alten Bäume, wie der Stadtrat entschied, handlungsweisend für alle anderen Maßnahmen sein soll, dann muss der Markt auch konsequent für den Verkehr, insbesondere der Händlerfahrzeuge und Laster, die bis heute über den Wurzeln parken und den Boden verdichten, gesperrt werden.

Welche Art von Neupflanzung und Grün sieht Ihr Konzept vor?

Wir können heute junge Bäume mit einem Stammumfang von 45 cm und mehr pflanzen, und in wenigen Jahren sind diese Bäume zu stattlicher Größe herangewachsen. Wir schlagen vor, auf der Rathausseite keine Neupflanzungen vorzunehmen, um den Platz zu öffnen.

Auf der Südseite dagegen könnte man nach einem großzügigen Bodenaustausch 7 bis 8 Linden (des herrlichen Duftes wegen) pflanzen. Aber für die alten Linden besteht keine Hoffnung im Rahmen einer sinnvollen Sanierung, dazu muss man sich bekennen. Das sollte man auch offen sagen.

Könnte man Ihrer Meinung nach nicht zumindest die Bäume auf der Südseite stehen lassen und nur die Rathaus- und Arkadenseite lichten?

Das ist eine der Möglichkeiten, die zu untersuchen ist. Der heutige Streit würde damit um 10 bis 20 Jahre verschoben. Die Risiken der Bestandsentwicklung bleiben.

Im Gegensatz zum Markt würden wir um den Erhalt aller Bäume rund um die Bachkirche ringen, die mit dieser zusammen ein harmonisches Ensemble bilden, und eine vorsichtige Neugestaltung der Tribüne der Bachkirche, die heute nichts als eine Hundewiese ist!

Ein ungenutzter Platz der Stadt, mit wunderbarer Aussicht über Hopfenbrunnen und Zimmergasse, der seiner Gestaltung harrt. Beim Absterben einzelner Baumpersönlichkeiten stört hier die Verjüngung des Bestandes durch Nachpflanzung das Gesamtbild nicht.

Was bedeuten Ihre Pläne für die Raumaufteilung, Pflasterung, Sitzgelegenheiten?

So ist es richtig: die Aussenbestuhlung respektiert die Gehwege

Wenn der Markt nur für die Anwohner befahrbar sein soll, wofür wir plädieren, dann sind Randsteine und Borde nicht notwendig. Fußgänger brauchen keine Borde, es genügen Entwässerungsrinnen. Zusammen mit verschiedenen Natursteinen kann man so eine lebhafte und ungestufte Oberfläche erzeugen, die zusammen mit der leichten Wölbung des Marktes nach Westen und Süden einen edlen und beeindruckenden Charakter erhält.

Die Rauhigkeit der Oberflächen sollte vor den Gebäuden zugunsten glatterer Pflasterplatten abnehmen, da diese für Kinderwägen, Rollis und Senioren besser geeignet sind als das spaltrauhe Pflaster des Platzes.

Diese Gehwege sollten nicht durch die Außennutzung der Gastronomie unterbrochen werden, wie es heute in Arnstadt noch oft der Fall ist, auch bei der Eisdiele am Markt. Es ist für Touristen, Besucher, Einkäufer sehr viel angenehmer, in gerader Linie durch die Außennutzung zu flanieren, als ständig um Sitzgelegenheiten herumgehen zu müssen, die unsinnigerweise auch noch eingezäunt sind!

Achten Sie in anderen Städten, zum Beispiel auf dem Domplatz in Erfurt, darauf: Erst die Passanten, dann die Tische. Das bedeutet zwar, dass die Bedienung immer diese zwei Meter zusätzlich zu überqueren hat, aber man erzeigt damit eine besucherfreundliche und heitere Atmosphäre. Überall macht man das heute so, aus gutem Grunde.

Wie könnte man Ihrer Meinung nach mit den hässlichen Stromverteilerkästen umgehen?

Bei allen Plätzen, die wir bislang saniert haben, fand sich stets eine Möglichkeit, die Versorgung des Platzes mit Strom und Wasser sicherzustellen, in der Regel mit so genannten Unterflurverteilern, die nur bei Anschlussbedarf aufgeklappt werden.

Stromkasten am Markt. Im Osten und …

Weiter sind einheitliche Regeln in Sachen Werbung, Aufsteller, Namensschilder, Mansarden, Schirmen, Stühlen und Tischen dringend notwendig. Hier kann man sich Dresden als Vorbild nehmen: die Stadt hat für den Neumarkt eine Gestaltungssatzung entwickelt, die streng einzuhalten ist.

… Im Westen

So sind beispielsweise nur Aufputz gemalte Namenszüge oder zart hinterleuchtete Metallschriften gestattet. Schirme dürfen keine „Röcke“ haben und keine Fremdwerbung. All das sind Kleinigkeiten für sich, die jedoch zusammen ein besonderes Flair ergeben, wie wir es nicht nur in Dresden finden.

Gestaltung ist das eine, die Art der Nutzung das andere. Welche Änderungen würde Ihre Marktkonzeption für die wechselnden Märkte bedeuten, vor allem den Dienstagsmarkt?

Der Wochenmarkt am Dienstag ist leider ohne Ordnung, das reine Chaos! Ein Wochenmarkt kann dazu beitragen, eine Stadt zu verschönern, mit diesem jedoch verliert Arnstadt. An einem Dienstag ist es für Besucher der Stadt endgültig nicht mehr möglich, den Markt als Platz zu erleben. Das hat viele Gründe.

Zuallererst: die Art, wie die Händler gestellt werden, bezieht sich überhaupt nicht auf den Platz und seine Häuser und Geschäfte. Sie bilden eine Wagenburg, die den Fassaden und Gehwegen ihre Rückseite zeigt. Das ist grundfalsch. Die Händler müssen sich umgekehrt den vorhandenen Geschäften zuwenden und auch – mit gebührendem Abstand – dem Bachdenkmal, um diese toten Räume zu vermeiden. In der Mitte zusätzlich eine Gasse oder zwei, so dass Rückseite an Rückseite grenzt. So ist auch Müll etc. automatisch aus dem Blickfeld.

Grundfalsch: die Märkte zeigen der Stadt, den Cafés und den Fassaden ihr Hinterteil. Anderherum ist es richtig.

Autos haben am Markt nichts verloren, außer vielleicht jene der Händler, deren Produkte aus der Kühlung verkauft werden müssen. Die Händler kommen auch, wenn Sie nicht neben Ihrem Stand parken dürfen, das zeigen viele Märkte in anderen Städten, zum Beispiel in Weimar. Wir schlagen einheitliche Schirme und feste Hülsen für diese im Boden zumindest für die Freisitze der örtlichen Gastronomen vor, welche automatisch ein geregelte Aufstellung erzeugen.

Was ist Ihr Vorschlag zum Thema Markt und Stadtfest?

Was Festlichkeiten angeht, könnten Bühnen immer am Westende des Marktes stehen, so nutzt man das natürliche Gefälle und die Trichterform des Platzes optimal. Dann verstellt man keine Architektur, der Platz wäre bei Konzerten in voller Pracht erlebbar. Auch diese Fragen müssen geklärt sein, wenn man den Platz neu gestaltet, denn dann muss die Infrastruktur dafür vorgesehen und zum Beispiel die Telefonzelle verlegt werden.

Mit diesen Maßnahmen könnte Arnstadter Markt gerade auch dann, wenn etwas auf ihm los ist, zu einem Erlebnis gelebter europäischer Geschichte werden, wie es internationale Touristen, Asiaten wie Amerikaner, heute erwarten, wenn sie eine historische Altstadt besuchen.

Vielen Dank für das Gespräch

Ulrich Hugk

Die Architektengemeinschaft Hugk & Sellengk existiert seit 1991 in Weimar. Ulrich Hugk war nach dem Architekturstudium in Weimar in der Experimentalwerkstatt der Bauakademie in Berlin tätig. 1978 wechselte er als Leiter einer Planungsgruppe für Städtebau an die Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar (heute Bauhaus-Universität Weimar), wo er bis 1991 als Wissenschaftlicher Assistent blieb.

Johanna Sellengk

Johanna Sellengk nahm nach dem Architektur- und Städtebaustudium in Weimar 1972 eine Tätigkeit an der Bauakademie Berlin als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Abteilungen Wohngebiete / Umgestaltung auf und ging 1979 ebenfalls als Wissenschaftliche Assistentin mit Lehrschwerpunkt Städtebau nach Weimar zurück.

Das Architektenduo hat seitdem zahlreiche Plätze neu geplant und saniert, darunter den Markt in Altenburg, die Fußgängerzone und den Markt in Rudolstadt, den Anger in Bad Frankenhausen, Junkersand und Ostseite Domplatz in Erfurt, die Petersstraße in Freiberg, die Sporerstraße in Oschatz, in Jena den Holzmarkt, die Oberlauengasse, den Johannisplatz, Nonnenplan/ Löbderstraße/Unterm Markt und andere.

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3. Dokumentation einer öffentlichen Stimmungsmache

Anfang 2009 beauftragte das Bauamt der Stadt Arnstadt die Architekturgemeinschaft Ihle, Hugk&Sellengk mit der Erstellung von Vorplanungen und Varianten für die Marktsanierung, die die wesentlichen Gesichtspunkte einer erst noch zu beauftragenden Durchführungsplanung ermitteln sollten. Diese Ergebnisse wurden erstmalig im Arbeitskreis für Stadtentwicklung am 23.09.2009 vorgestellt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Stadtrat die Marktsanierung bereits auf Eis gelegt.

Geheime Absichten?

Zwischen diesen beiden Terminen fand in der Thüringer Allgemeinen eine Kampagne gegen das Projekt Marktsanierung statt, die suggerierte, daß die Planungen bereits abgeschlossen und das Fällen der Marktlinden bereits beschlossene Sache sei. Die öffentlichen Beteuerungen des Beigeordneten Ulrich Böttcher, daß nichts beauftragt und schon gar nichts beschlossen sei, halfen nicht.

Zu tief sitzt offenbar das Mißtrauen gegenüber der Verwaltung, das gerade beim Thema Bäume immer wieder durch überraschende Baumfäll-Aktionen bestätigt wird. In zahlreichen Artikel ließ die TA Vertreter des Stadtrats, Umweltschützer und Prominente in Beiträgen zu Wort kommen, in denen, bildhaft gesprochen, schon die Kettensägen rasselten.

So las man in der TA am 25.06 2009:
Doch Jürgen Ludwig glaubt nicht, dass noch alles offen ist. „Für viele Unterzeichner ist es kein Zufall, dass kurz vor der Kommunalwahl die Planungen so weit vorangetrieben worden sind, dass in einer wohlverlesenen Runde eine gewisse Vorentscheidung für die Marktgestaltung mit wenigen Alibibäumen gefallen ist“, sagt Ludwig.

Undemokratisches Vorgehen?

Peter Gundermann beschwört in der TA vom 25. August 2009 den Bürgermeister, den Willen der Bürger nicht zu mißachten und schreibt:
„die Entscheidung, wie der Markt denn einmal aussehen soll, kann nicht nur einer kleinen Anzahl handverlesener Personen überlassen werden, und die Bewohner Arnstadts haben deren Entscheidung nur noch zu akzeptieren.“

Martina Lang, Fraktionsvorsitzende der SPD im Stadtrat, ist der Ansicht:
„Uns ist damals auch gesagt worden, dass die Häuser in der Schlossstraße nicht abgerissen werden. Das Ergebnis ist bekannt“ (TA vom 07.10.2009 – wobei es sich bei der Schloßstraße um einen privaten Eigentümer handelte und die genehmigende Behörde gar nicht die Stadt, sondern der Kreis war – d.V.).

Vollendete Tatsachen?

In keinem einzigen Beitrag war die TA bemüht, ihre Leser darüber aufzuklären, daß die Stadtverwaltung tatsächlich noch mit den Vorplanungen befaßt war, welche Gesichtspunkte für eine Neugestaltung des Marktes sprachen und welche Probleme mit den Bäumen verknüpft sind. So hat diese Zeitung entscheidend dazu beigetragen, daß der Stadtrat seiner eigenen Verwaltung in den Rücken fiel.

Bis zum 5. September 2009.

Am Tag nach dem Stadtratsbeschluß weiß derselbe Redakteur, der all den populistischen Spekulationen und parteitaktischen Profilierungsversuchen wochenlang eine Öffentlichkeit bot, genau, was Sache ist bzw. war:
„Die Ideologie hat gesiegt. Der alte Grundsatz, dass man sich zunächst kundig machen sollte, ehe man entscheidet, wurde im Stadtrat über Bord geworfen. Die Bäume auf dem Markt sollen bleiben. Basta. Das klingt gut und ökologisch, dass es nicht logisch ist, spielte offenbar keine Rolle. Denn niemand hat ernsthaft geprüft, ob und wie krank einige davon sind. Und wo Bäume sinnvoll sind und wo nicht. Warum kann man nicht zunächst darüber reden, was Arnstadt eigentlich mit dem Markt anfangen will? Warum wird das Angebot der Architekten, verschiedene Lösungsvorschläge zu unterbreiten, mit dem Stadtratsbeschluss einfach vom Tisch gefegt?“

Wer nun glaubt, der Mann weiß nicht, was er will, täuscht sich. Denn das ist das Geschäft des modernen Zeitungsmannes: öffentlich Stimmung machen, auf daß die eigene Zeitung die Plattform sei, auf der die Grabenkämpfe der Stadt ausgefochten werden.

Dazu gehört es auch –  wenn es zur Anheizung der Diskussion opportun erscheint – schnell die Seiten zu wechseln, erst mit und dann gegen den Stadtrat Stimmung zu machen.

Dabei geht eine moderne Lokalredaktion keineswegs willkürlich vor: sie verfolgt so konsequent die Leitlinien aus ihren Zentralen in Essen und Erfurt, wie Auflage zu generieren sei. Allerdings: nicht nur die Wahrheit bleibt dabei regelmäßig auf der Strecke. Manchmal auch ein Stück Stadtentwicklung.

Ein Gedanke zu “Neustart für Arnstadt / Teil 1: Warum Markt und Ried neu gestaltet werden sollten

  1. Wir geben hier einen facebook-Kommentar von Frank Kuschel wieder, der bereits 2009 im Arnstädter Stadtrat saß und damals für den Erhalt der Bäume stimmte:

    Frank Kuschel:
    „Nach meiner Erinnerung ging es in den Debatten „Marktsanierung“ vorrangig um den Erhalt der Bäume (Großgrün) bei der Sanierung. Wir als LINKE wollten den Erhalt der Bäume. Das Land wollte neue (kleinere Bäume), hätte aber letztlich die städtische Entscheidung zum Erhalt der Großbäume toleriert. DER 1. Beigeordnete Ulrich Böttcher hat beim Erhalt der Großbäume die These aufgestellt, dass Mehrkosten entstehen, die das Land nicht tragen würde. Beim Land ging aber nie ein konkreter Fördermittelantrag für die Marktsanierung ein. Ulrich Böttcher hat gemeinsam mit Bürgermeister Köllmer die Sanierung gestoppt, weil es keine Einigung zum Standort Bismarckbrunnen gab. Zur Sanierung des Marktes gab es aber im Stadtrat nie eine detaillierte Abstimmung. Alexander Dill (ab 2012 selbst Bürgermeister) saß damals für die LINKE im Sanierungsbeirat der Stadt und hatte sehr vernünftige Ideen.“

    Antwort Arnstadt-wohin:
    Danke für diese Ergänzung! Wie auch immer es genau ablief, wir wissen heute, dass sensible Projekte wie eine Marktsanierung inkl. neuer Bäume eine professionelle Kommunikation von Seiten der Verwaltung benötigt. Man nennt das „Werkstatt-Prozess“. Es bedeutet, dass die professionellen Planer in verschiedenen Stadien der Planung immer wieder den Stand der Dinge der Öffentlichkeit präsentieren, diskutieren, Einwände zur Kenntnis nehmen und dann erst weiterplanen. So ist maximale Transparenz gegeben, und niemand kann behaupten, er sei überfahren worden. Aber diese Verfahrenstechniken sind bei uns nicht bekannt, weil man in Arnstadt wie auch andernorts davon ausgeht, dass die Bevölkerung schon noch rechtzeitig informiert werden wird. Das funktioniert heute aber nicht mehr so.

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